» Die Blumen schlafen,
         aber nicht das Gras. «

» Ich merke Namen so wenig,
daß ich oft vor dem Spiegel frage,
wie heißt der darin? «

» Die Bücher sind die
        stehende Armee der Freiheit. «

» Das Paradies verlieren
und den Paradiesvogel behalten. «

     » Die Poesie ist die Aussicht
aus dem Krankenzimmer des Lebens. «

» Er ist ein besonderer Freund
       – von Feinden. «

» Entwirf beim Wein,
         exekutiere beim Kaffee. «

» Auf der Welt ist alles natürlich,
       ausgenommen die Welt selber. «

» Eine Demokratie ohne ein paar hundert Widersprechkünstler ist undenkbar. «

» Niemand hat weniger Ehrgefühl
      als eine Regierung. «

» Die größten Städte und Genies
sind unregelmäßig gebauet,
voll Sackgassen und Paläste. «

» Was alles Böses gegen das Bier
     bei Philosophen gesagt wird,
         gilt nicht bei mir. «

     » Manches »Gesuchte« wäre es nicht,
        wenn der Verfasser mehr suchte. «

» Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde. «

» Ein Rathhaus gehört zum Hausrath
       einer Stadt. «

» Nichts ist fataler, als wenn gerade
die letzte Flasche altes Bier schlecht ist. «

» Eine Blattlaus hat mehr Ahnen
   als ein Elephant. «

» Bei Gott, alle Welt spricht,
und niemand kommt zu Wort. «

» Man verdirbt unter Leuten,
die einen nicht übertreffen. «

» Weiber sprechen lieber von,
          Männer in der Liebe. «

» Unter Denken eines bösen Gedankens
     auf der Gasse ehrerbietig gegrüßt werden. «

» Ein Kind sei euch heiliger als die
   Gegenwart, die aus Sachen
     und Erwachsenen besteht. «

» Jeden Tag
     mache dich auf viele Wunder gefaßt. «

» Hätte ich keine Bücher zu schreiben: ich wäre der beste Ehemann. «

» Die Tat ist die Zunge des Herzens.«

» Man kommt leichter zu jedem
     andern als zu sich. «

Hundspost

 

 

Hundspost – verwendete Zitate

 

 

31. Oktober 2011 (1):
Im Buche der Natur sind einige Menschen gros und mit Frakturschrift gedrukt, aber wie in andern Büchern, so ist nicht mehr Verstand darin.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt a.M., 1996, S. 93.)

7. November 2011 (2):
Weiber sprechen lieber von als in der Liebe, Männer umgekehrt.
(Jean Paul: Herbst-Blumine. Erstes Bändchen. Sämtliche Werke II, Bd. 3, München, (1978) ²2009, S. 132.)

14. November 2011 (3):
Glücksspiele werden verboten – das längste ausgenommen, das Leben.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt a.M.: Eichborn, 1996, S. 128)

21. November 2011 (4):
Nichts berauscht mich mehr als das Sprechen, besonders wenn ich dabei trinke oder spreche.
(Jean Paul: Lebenserschreibung. München: Hanser, 2004, S. 278.)

28. November 2011 (5):
„Von wem hast du das Trinken gelernt?“ sagte ein andres Insekt zur Grille. „Von einem unsterblichen Poeten.“ Umsonst? „Nein, ich lehrte ihn das Singen.“
(Jean Paul: Jugendwerke und Vermischte Schriften. Erster Band. München: Hanser, ²2007, S. 595.)

5. Dezember 2011 (6):
Ich spreche über alles in der Welt gern ernst, nur nicht über mich.
(Jean Paul: Lebenserschreibung. München: Hanser, 2004, S. 280.)

12. Dezember 2011 (7):
Ich war zugleich Offizier und der Flügelmann – die größte Schönheit Baireuths saß auf dem Kanapee – und ich sagte zu meiner Rotte: >>Hergestellt euch zum Anbeten! – Kniet nieder zum Anbeten! – Sehnet euch! – Hand geküßt! – Seufzer ausgestoßen! – Tränen vergossen! – Fallt in Verzweiflung! – Ermannt euch! – Aufgelacht! – Aufgestanden!<<
(Jean Paul: Dr. Katzenbergers Badereise. München: Hanser, 52005, S. 232.)

19. Dezember 2011 (8):
Freiheit wird wie alles Göttliche nicht gelernt und erworben, sondern angeboren.
(Jean Paul: Titan. München: Hanser, 61999.) (I/6, S.693 in Miller-Ausgabe)

27. Dezember 2011 (9):
Was mich gestern so sanft anklang wie das gewöhnliche Fest-Einläuten, waren drei fremde Kinder, die ich belog. Ich gesteh‘ es Rezensenten und Atheisten, ich befestigte die drei gläubigen Jünger, so sehr ich konnte, im erwiesenen Irrtum eines existierenden – Christkindleins: es fliege hoch und golden (macht ich ihnen weis) über die Häuser und schaue herab auf gute und böse Taten der Kinder und belohne jene und bestrafe diese. Ich zeigte ihnen ohne Bedenken eine entfallne Pfauenfeder desselben (wie man in mittlern Zeiten des Erzengels Michael Federkiele wies), da es auf der umkreisenden Turmfahne die Schwingen ausdehnte und wieder zusammenschlug.
(Jean Paul: Der Jubelsenior. München: Hanser, 41988, S. 552.)

2. Januar 2012 (10):
Um geistreich zu sprechen, habe man – wenn man es auf irgendeine Art ist – nur den Mut, alles auszusagen. An der Furcht stirbt das Genie.
(Jean Paul: Bemerkungen über uns närrische Menschen. Leipzig: Gustav Kiepenheuer, 1987, S. 88.)

9. Januar 2012 (11)
Am Theater der Welt haben die Lichtputzer die kleinste Gage.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt a.M.: Eichborn, 1996, S. 133.)

16. Januar 2012 (12)
Teufel! – Frei will ich bleiben auf einer so verächtlichen Erde – keinen Lohn, keinen Befehl in diesem großem Bedientenzimmer erhalten – kerngesund, um kein Mitleiden und keinen Hausarzt zu erwecken.
(Jean Paul: Titan. München: Hanser, 61999, S. 692.)

23. Januar 2012 (13)
Preßfreiheit: daß die drückende Partei zugleich die druckende ist; und die gedrückte nicht die gedruckte.
(Herbert Kaiser (Hg.): Jean Paul zum Vergnügen. Stuttgart: Reclam, 1996.)

30. Januar 2012 (14)
Traum: jedes Buch hat eine schwache Seite, wie jeder Mensch einen Hintern.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt a.M.: Eichborn, 1996, S. 107.)

6. Februar 2012 (15)
Gleich den nachgemachten Ruinen in den englischen Gärten, scheinen manche für diese Welt zu guten Menschen die nachgemachten Ruinen aus einer grössern zu sein.
(Jean Paul: Sämtliche Werke Band II/2. München: Hanser, 1976, S. 377.)

13. Februar 2012 (16)
Der Stein der Weisen ist der Grundstein zum Narrenhaus.
(Herbert Kaiser (Hg.). Jean Paul zum Vergnügen. Stuttgart: Reclam, 1996, S. 59.)

20. Februar 2012 (17)
Ich habe unter meinen Leserinnen viel falsche Rechtschreibungen ausgebreitet.
(Jean Paul. Ideen-Gewimmel. Frankfurt a.M.: Eichborn, 1996, S. 29.)

27. Februar 2012 (18)
Der größte Irrtum des Publikums ist, daß es den Autoren mehr Verstand zutrauet als sie äußern, anstatt ihnen weniger als sie äußern zuzutrauen.
(Herbert Kaiser (Hg.). Jean Paul zum Vergnügen. Stuttgart: Reclam, 1996, S. 86.)

5. März 2012 (19)
Kommt mir jemand im Leben komisch vor: so ists wahrscheinlich nicht stärker als er sich selber vorkommen würde wenn er sich spaßhafter ansähe als jeder Spaßmacher sich selber.
(Jean Paul: Lebenserschreibung. München: Hanser, 2004, S. 268.)

12. März 2012 (20)
Wir halten uns für Briefe, an denen das Couvert stets von schlechterem Papier sein darf als der Brief selbst.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt a.M.: Eichborn, 1996, S. 160.)

19. März 2012 (21)
Ich möchte den Totenkopf des Mannes streicheln, der die Ferien erfunden hat.
(Willi Seiler (Hg.): Sprachkürze gibt Denkweite. Jean Paul Aphorismen. Wunsiedel, 1997, S. 49.)

26. März 2012 (22)
Ich will was die Welt offenherzig nennt, jetzt sein, nämlich unverschämt, denn wahrlich ich decke lieber meinen Steiß als mein Herz auf und bin weniger rot.
(Jean Paul: Titan. München: Hanser, 61999, S. 701.)

2. April 2012 (23)
Sein Buch stirbt wie Vespasian auf dem Nachtstuhl.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt: Eichborn, 1996, S. 255.)

10. April 2012 (24)
Die Muttersprache ist die unschuldigste Philosophie und Besonnenheits-Übung für Kinder.
(Jean Paul: Herbst-Blumine. Erstes Bändchen III. Sämtliche Werke II, Bd. 3, München: Hanser, 2009, S. 149)

16. April 2012 (25)
Es gibt in der ganzen Welt keine verdammtere Arbeit als einen ersten Sektor zu schreiben […]
(Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Zweiter Sektor. München: Hanser, 2009, S. 46)

23. April 2012 (26)
Der bildliche Witz kann entweder den Körper beseelen oder den Geist verkörpern.
(Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. Sämtliche Werke I, Bd. 5, München: Hanser, 61999, S. 184)

30. April 2012 (27)
Die Tugend mancher Damen ist ein Donnerhaus, das der elektrische Funke der Liebe zerschlägt und das man wieder zusammenstellt für neue Versuche; […]
(Jean Paul: Hesperus. Sämtliche Werke I, Bd. 1, München: Hanser, 1960, S. 813)

4. Mai 2012 (28)
Sprache. Aus der Unmöglichkeit, die Thierstimme in Worte zu bringen, seh‘ ich die Armuth an Buchstaben.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt a.M., 1996, S. 72)

14. Mai 2012 (29)
Ich wollte viel lieber mich gelesen als geschrieben haben: wie viel Schmerz und Ermattung hätt ich als bloßer Leser mir ersparen können.
(Jean Paul: Vita-Buch. München: Hanser, 2004, S. ?)

21. Mai 2012 (30)
Dem Hasse wird jetzo alles verziehen, der Liebe nichts, da doch jener selber kaum zu verzeihen ist. Aber wie es jetzo überall mehr Polemik als Thetik gibt – mehr köpfende Köpfe als krönende und gekrönte -; so ist auch die negative Seite des Herzens, das Abstoßen des Schlechten, leichter zu laden als die positive, das Anziehen des Guten oder die Liebe.
(Jean Paul. Vorschule der Ästhetik. Sämtliche Werke I, Bd. 5, München: Hanser, 61999, S. 420)

29. Mai 2012 (31)
Wie wenig braucht der Mensch Wärme oder Kälte, um sie dem anderen mitzuteilen und sich und ihn heiter oder trübe zu machen. Der Morgen wandelt Reif zu Tau, der Abend Tau zu Reif. Mensch, willst du der Morgen oder der Abend sein, unter Edelsteinen oder auf Schnee wandeln?
(Jean Paul: Der Komet. Sämtliche Werke I, Bd. 6, München: Hanser, 2005, S. 666)

4. Juni 2012 (32)
Schön sind und reizend die Irrtümer des Dichters alle, sie erleuchten die Welt, die die gemeinen verfinstern.
(Jean Paul: Flegeljahre. Sämtliche Werke I, Bd. 2, München: Hanser, 1999, S. 730)

11. Juni 2012 (33)
Gänge in tiefer Dämmerung und halber Nacht berauschen und begeistern die Jugend.
(Jean Paul: Selberlebensbeschreibung. München: Hanser, 2004, S. 206)

19. Juni 2012 (34)
Eine reine Seele spiegelt, ohne sich zu beflecken, die unreine ab und fühlt unwissend die quälende Nähe, so wie Tauben, sagt man, sich in reinem Gewässer baden, um darin die Bilder der schwebenden Raubvögel zu sehen.
(Jean Paul: Titan. München: Hanser, 61999, S. 470)

25. Juni 2012 (35)
Schönes Wetter nennen die Menschen das, wo man das Heu trocken einbringt; ich aber fordere ein anderes.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt a.M., 1996, S. 220)

2. Juli 2012 (36)
Unser Jahrhundert, das sonst gar nicht unkaufmännisch ist, gehet wie das elektrische Feuer doch gern den Metallen nach.
(Jean Paul: Teufelspapiere. Jugendwerke und Vermischte Schriften. Erster Band. München: Hanser, ²1976, S. 239)

9. Juli 2012 (37)
Ein Mensch, der den Weg zu einem weiten Ziel vollendet hat, wendet sich an diesem um und sieht unbefriedigt und voll neuer Wünsche über die zurücklaufende Straße hin, die seine schmalen Stunden wegmaß und die er, wie eine Medea, mit Gliedern des Lebens überstreute.
(Jean Paul: Die Unsichtbare Loge. Sämtliche Werke I, Bd. 1, München: Hanser, 1960, S. 463)

16. Juli 2012 (38)
Je gemeiner und dürftiger die Seele ist, oder je jünger, desto froher und leichter zieht sie in ein Lehrgebäude hinein, staunend über das allgemeine Licht darin, bloß weil sie da erst durch die Zeichen die Sachen, erst durch die Schlüssel die Rätsel kennen lernt, anstatt umgekehrt.
(Jean Paul: Clavis Fichtiana. Sämtliche Werke I, Bd. 3. München: Hanser, 61999, S. 1028)

23. Juli 2012 (39)
Dem leiblichen Hunger der Schriftsteller verdankt das Publikum seine geistliche Sättigung. Einige Ärzte leiten aus dem Magen alle Krankheiten her; ich wollte aus demselben noch leichter den Ursprung der meisten Schriften erklären, und zeigen, daß weniger der Nervensaft des Gehirns als die unbefriedigte Galle des Magens an der Erzeugung eines Buches arbeiten.
(Jean Paul: Grönländische Prozesse. Sämtliche Werke II, Bd. 1, München: Hanser, 2007, S. 373)

30. Juli 2012 (40)
Nichts wird überhaupt öfter vergessen, als das, was vergisset, das Ich.
(Jean Paul: Siebenkäs. Sämtliche Werke I, Bd. 2, München: Hanser, 1999, S. 138)

6. Juli 2012 (41)
Der Mensch im allgemeinen verdient viele Nasen von Gott und mehrere Nasen, als sich je durch einen alten Theatervorhang gesteckt haben, den man daher an manchen Orten in Blech einfasste. Die Gründe sind freilich nicht jedem geläufig.
(Jean Paul: Flegeljahre. Sämtliche Werke I, Bd. 2, München: Hanser, 1999, S. 1083)

13. Juli 2012 (42)
Ein Despot ist die praktische Vernunft eines ganzen Landes; die Untertanen sied ebenso viele dagegen kämpfende Triebe, die überwunden werden müssen.
(Jean Paul: Hesperus. Sämtliche Werke I, Bd. 1, München: Hanser, 1960, S. 639)

20. August 2012 (43)
Manches Leben ist ebenso angenehm zu schreiben wie zu führen;
(Jean Paul: Siebenkäs. Sämtliche Werke I, Bd. 2, München: Hanser, 1999, S. 50)

27. August 2012 (44)
Der komische Genius gleicht der Glocke, welche frei hängen muß, um einen vollen Ton zu geben, aber dumpf und widertönig erklingt, von der Erde berührt.
(Jean Paul: Der Komet. Sämtliche Werke I, Bd. 6, München: Hanser, 2005, S. 571)

3. September 2012 (45)
Hohe Natur! wenn wir dich sehen und lieben, so lieben wir unsere Menschen wärmer, und wenn wir sie betrauern oder vergessen müssen, so bleibst du bei uns und ruhest vor dem nassen Auge wie ein grünendes abendrotes Gebirge.
(Jean Paul: Titan. Sämtliche Werke I, Bd. 3. München: Hanser, 1999, S. 23)

10. September 2012 (46)
O ihr Deutschen, warum sprecht ihr so wenig, zumal am Hofe, und vollends die Vierreuter! Sprechen ist Wachen, Schweigen nur Schlaf.
(Jean Paul: Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch. In: Ders: Sämtliche Werke I, Bd. 3. München: Hanser, 1999, S. 937)

17. September.2012 (47)
Jede Reise verwandelt das Spießbürgerliche und Kleinstädtische in unserer Brust in etwas Weltbürgerliches und Großstädtisches.
(Jean Paul: Siebenkäs. In: Ders: Sämtliche Werke I, Bd. 2. München: Hanser, 1999, S. 360)

24. September 2012 (48)
Niemals denkt man mehr an seinen Kopf, als wenn man in ihm drinnen etwas sucht (wie ich hier den anständigen Beschluß), oder auf ihm oben etwas trägt, wie Fleischer, Mauerer, Wäscherinnen die Gefäße; in jedem solchen Falle gibt man auf den Kopf acht; wer Kronen trägt, ist ein zu seichter Einwand.
(Jean Paul: Leben Fibels. Sämtliche Werke I, Bd. 6. München: Hanser, 2005, S. 527)

1. Oktober 2012 (49)
Ich preise keinen Leser glücklicher als einen, der etwa nach hundert oder gar tausend Jahren geboren wird: dieser findet doch etwas zu lesen und Auswahl.
(Jean Paul: Kleine Nachschule zur Ästhetischen Vorschule. In: Ders: Sämtliche Werke I, Bd. 5. München: Hanser, 1999, S. 493)

8. Oktober 2012 (50)
Sinne und Verstand – siehe! Zwei Feinde, die ewig mit einander im Streit liegen, und da ieder nur siegt, um in kurzem vom andern überwunden zu werden. Unsern Sinnen haben wir viel zu danken ; wenigstens die Irrtümer, die uns auf die Wahrheit gebracht haben. Sie betrügen immer; allein in diesem Betruge liegt auch der Same der Wahrheit.
(Jean Paul: Rhapsodien. In: Ders: Sämtliche Werke II, Bd. 1. München: Hanser, 2007, S. 281)

15. Oktober 2012 (51)
Natürlicherweise schreib' ich ewig fort. Ja, es hälfe dem Tode nichts, wenn er mich ein halbes Säkulum am Schreibpult stehen und dann erst durch eine gütige venia aetatis, d.h. venia exeundi aus der Schreibstube der Erde laufen ließe: ich wende mich doch noch unter der Stubentüre um und sage, mehr lebens- als schreibenssatt: »Nur den dritten Teil lasse mich gar liefern, ich weiß, wie die Rezensenten sind.«
(Jean Paul: Der Jubelsenior. München: Hanser, 41988, S. 458)

22. Oktober 2012 (52)
Warum ließ der Himmel gerade in die Jugend das Lustrum der Liebe fallen? Vielleicht weil man gerade da in Alumneen, Schreibstuben und andern Gifthütten keucht: da steigt die Liebe wie aufblühendes Gesträuch an den Fenstern jener Marterkammern empor und zeigt in schwankenden Schatten den großen Frühling von außen.
(Jean Paul: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle. In: Ders. Sämtliche Werke I/Bd. 1. München: Hanser, ²1960, S. 433)

29. Oktober 2012 (53)
»O, reiner starker Freund, die Poesie ist ja doch ein Paar Schlittschuh, womit man auf dem glatten reinen krystallenen Boden des Ideals leicht fliegt, aber miserabel forthumpelt auf gemeiner Gasse.«
(Jean Paul: Flegeljahre. Sämtliche Werke I, Bd. 2, München: Hanser, 1999, S. 683)

4. November 2012 (54)
Die Kunst hat die Gießkanne, aber die Natur hat die Wolken.
(Jean Paul: Ideengewimmel. Frankfurt am Main: Eichborn Verlag 1986)

12. November 2012 (55)
Wer indes jedes Schönheit lieb hat, bleibt schwer zu Hause, wo zuweilen nicht mehr als eine zu finden ist., wenn er sich selber mitzählt.
Jean Paul: Dämmerungen für Deutschland. Sämtliche Werke I, Bd. 5, München: Hanser, 1999, S. 951)

19. November 2012 (56)
Meide geselliges Verläumden.
Jean Paul: Lebensregeln, Nr. 11. In: Ders.: Sämtliche Werke, II. Abt., 6. Band (Schriften zur Biographie). Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger 1996, S. 604

26. November 2012 (57)
Von der Freiheit des Jünglings muß die des Mannes zehren; und ein gebogener Musensohn kann nichts anderes werden als ein kriechender Beamter auf vieren.
(Jean Paul: Siebenkäs. Sämtliche Werke I, Bd. 2, München: Hanser, 1959, S. 52)

3. Dezember 2012 (58)
Gemein und dunkel wird oft die Seele verhüllt, doe so rein und offen ist; so deckt graue Rinde das Eis, das zerschlagen innen licht und hell und blau wie Äther erscheint. Bleib‘ euch stets die Hülle fremd, bleib‘ es euch nur der Verhüllte nicht.
(Jean Paul: Flegeljahre. Sämtliche Werke I, Bd. 2, München: Hanser, 1999, S. 680)


10. Dezember 2012 (59)
Es ist gut, wenn ein Mensch seine Lebensereignisse so wunderbar verflochten hat, daß er ganz widersprechende Wünsche haben kann.
(Jean Paul: Die Unsichtbare Loge, Vorredner, SW I, 30)

17. Dezember 2012 (60)
Erinnern Sie sich allzeit, daß es allemal eine Sünde ist, sich dem Schmerze ohne Ziel und Maß zu überlassen.
Jean Paul: Briefe, I, 48 (21.8.1782). In: Wahrheit aus Jean Paul's Leben, Band 3)

24. Dezember 2012 (61)
Welche Weihnachten wurden im Häuschen gefeiert! Kaum war er aus dem Dorfe hinaus: so fing die mütterliche oder Oppositions-Erziehung an. Zuerst durfte Helf alle Vögel selber füttern; daher er der Heidelerche so viele Mehlwürmer vorwarf, daß sie am dritten Festtage verreckte. Darauf durfte er ihre Küchen-Soubrette sein und half für das Fest-Gebäcke viele Mandeln schneiden, die er verschluckte. Wie froh-murmelnde Frühlings-Wasser floß den ganzen heiligen Abend heiteres Geschwätz des Sohnes und der Mutter durch Stube und Stubenkammer. Sie brachte ihm Scharrfuß und Handkuß der vornehmen Herrschaften in Dresden bei und er scharrte und küßte unaufhörlich an der Mutter. Sie stand neben ihm ihre alten Kopfschmerzen aus, aber ohne sie zu bemerken.
(Jean Paul: Leben Fibels. Sämtliche Werke I, Bd. 6. München: Hanser, 2005, S. 384)

31. Dezember 2012 (62)
Niemand wird in der Welt so oft betrogen – nicht einmal die Weiber und die Fürsten – als das Gewissen.
(Jean Paul: Siebenkäs. Sämtliche Werke I, Bd. 2, München: Hanser, 1999, S 545);

7. Januar 2013 (62)
Der moralische Gang des Menschen gleicht seinem physischen, der nichts ist als ein fortgesetzter Fall.
(Jean Paul: Leben des Quintus Fixlein. Sämtliche Werke I, Bd. 4. München: Hanser, 1988, S. 17)

14. Januar 2013 (63)
Schlechte Schriftsteller sollte man vor, große nach ihren Büchern kennen lernen, um jenen mehr die Bücher, diese mehr den Büchern zu vergeben.
(Jean Paul: Herbst-Blumine. Erstes Bändchen II. Sämtliche Werke II, Bd. 3, München: Hanser, 2009, S. 130)

21. Januar 2013 (64)
Gleich dem Jüngsten Tage verwandelt uns die Poesie, indem sie uns verklärt, ohne uns zu verändern.
(Jean Paul: Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch. Sämtliche Werke I, Bd. 3. München: Hanser, 1999, S. 997)

28. Januar 2013 (65)
Die Kindheit ist der Früling des Lebens, der Mai im Jar, das Eden in einer wüsten Welt, der Vorschmak des Himmels.
(Jean Paul: Tagbuch meiner Arbeiten. In: Ders: Sämtliche Werke II, Bd. 1. München: Hanser, 2007, S. 240)

4. Februar 2013 (66)
Oft hält der Mann das Fordern für Geben.
Jean Paul: Brief an Caroline Mayer (Weihnachten 1800; SW III, 4. S. 28)

11. Februar 2013 (67)
Dem Menschen geht oft ein Sturm hinterdrein und er muß alle Schritte wider Willen schneller machen.
(Jean Paul: Brief an Karoline von Feuchtersleben, 15.11.1800; SW III, 4, S. 19)


18, Februar 2013 (68)
Welche Streiche auch ein brennender Kopf anstelle, die eines gefrierenden Herzens sind doch schlechter.
(Jean Paul: Brief an Christian Otto, 24.10.1800)

25, Februar 2013 (69)
Möge der Engel des Glaubens zu dir kommen, wenn der Engel der Freude auf Minuten entfliegt.
(Jean Paul: Brief an Josephine von Sydow, 17.12.1800; SW III, 4, S. 27)

04, März 2013 (70)
Sie bringen die hohe Freiheit der Dichtkunst in die Gebote der Wirklichkeit und wollen die Schönheiten dort auch als Schönheiten hier wiederfinden – aber die poetischen Schmerzen sind, in die Prosa des Lebens übersetzt, rechte wahre Schmerzen.
(Jean Paul: Brief an Rahel Levin, 6.11.1800; SW III, 4, S. 15)

11, März 2013 (71)
Das größte Elend eines Autors ist, daß er keiner Materie den Grad der Verschönerung ansehen kan, den sie anzunehmen fähig ist und daß er zu spät die Wahl der Materie bereuet.
(Jean Paul: Brief an Christian Otto, 24.07.1793; SW III, 1, S. 397)

18, März 2013 (72)
Unsere Freiheits-Liebe ist nur Rechtlichkeits-Liebe, nicht Glanz- und Raubsucht. Und so lange dieser Sinn in uns nicht zu ermorden ist, werden wir Knechtschaft hassen und Vaterland lieben. Rechtlichkeit verknüpft die Deutschen – eigentlich die Menschen – und wehe dem, der das Band durchschneidet, woran die Welt hängt und er selber!
(Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland, 1808)

25. März 2013 (73)
Alles überhaupt in der Welt ist sehr närrisch; besonders die Hauptsache derselben, und ich habe oft Gedanken darüber, die zu nichts führen.
(Jean Paul: Komet. Sämtliche Werke I, Bd. 6, München: Hanser, 2005, S. 728)

1. April 2013 (74)
Der Mensch dürstet am größten Freudenbecher nach einem größern und zuletzt nach Fässern.
(Jean Paul: Flegeljahre. München: Hanser 2005)

8. April 2013 (75)
Das Menschenherz wird durch große Schmerzen gegen das Gefühl der kleinen gedeckt, durch den großen Wasserfall gegen den Regen.
(Jean Paul: Flegeljahre. München: Hanser 2005), I, 2, S. 556)

15. April 2013 (76)
So viele wollten gern mit Vergnügen erhaben schweigen (auf Vorwürfe, Rezensionen), wenn sie nur gewiß wüßten, daß jeder wüßte, sie schwiegen.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel)

22. April 2013 (77)
Sonst war die Poesie Gegenstand des Volks, so wie das Volk Gegenstand der Poesie; jetzo singt man aus einer Studierstube in eine andere hinüber, das Interessanteste in beiden betreffend.
(Jean Paul: Vorschule der Ästhetik, Sämtliche Werke I, Bd. 5, München: Hanser, 61999, S. 85)

29. April 2013 (78)
Da die Entfernung die Liebe mehrt, so reiset er täglich eine Stunde weg von seiner Frau, um sie mehr zu lieben.
(Jean Paul: Ideen-Gewimmel. Frankfurt: Eichborn, 1996)

6. Mai 2013 (79)
Ach du Lieber, was wird denn schmerzlicher und länger gesucht als ein Herz? Wenn der Mensch vor dem Meere und auf Gebirgen und vor Pyramiden und Ruinen und vor dem Unglücke steht und sich erhebt, so strecket er die Arme nach der großen Freundschaft aus. – Und wenn ihn die Tonkunst und der Mond und der Frühling und die Freudentränen sanft bewegen, so zergeht sein Herz, und er will die Liebe. – Und wer beide nie suchte, ist tausendmal ärmer, als wer beide verlor. – –
(Jean Paul: Titan. Sämtliche Werke I, Bd. 3. München: Hanser, 1999, S. 120)

13. Mai 2013 (80)
Ach warum soll sich denn der Mensch lieber nach der Vergangenheit als nach der Zukunft sehnen, da bloß ein Gott eine vergangne Ewigkeit hat und der Mensch nur eine künftige?
(Jean Paul: Der Jubelsenior. München: Hanser, 1988, S. 543)

21. Mai 2013 (81)
Wer Witz hat, durchwandelt blumenvolle Gefilde. Er bricht hier ein Blümgen, da ein Blümgen, um einen schönen Straus zu binden.
(Jean Paul: Tagbuch meiner Arbeiten, August 1781. Sämtliche Werke II, Bd. 1, München: Hanser, 2007, S. 208)

27. Mai 2013 (82)
Ein Mensch treibe nur absichtlich seine Angst aufs höchste: so fället der Trost plötzlich, wie ein warmer Regentropfen vom Himmel in sein Herz.
(Jean Paul. Siebenkäs. Sämtliche Werke I, Bd. 2. München: Hanser, 1999, S. 216)

3. Juni 2013 (83)
Die Liebe muß wie der Aurikelsame auf Schnee gesäet werden, beider wärmen sich durch das Eis schon durch und gehen dann desto frischer auf.
(Jean Paul: Hesperus. Sämtliche Werke I, Bd. 1. München: Hanser, 1960, S. 980)

10. Juni 2013 (84)
Uns fehlt zwar Geschmack für den Witz, aber gar nicht Anlage zu ihm.
(Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. Sämtliche Werke I, Bd. 5, München: Hanser, 1999, S. 200)

17. Juni 2013 (85)
Die Sympathie, welche Erwachsene in der ersten Viertelstunde ablaktiert, fügt auch oft Kinder aneinander.
(Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Sämtliche Werke I, Bd. 1. München: Hanser, 2009, S. 103)

24. Juni 2013 (86)
O! daß der Mensch gerade zu der Zeit die schönste Liebe empfängt, wo er sie noch nicht versteht – O, daß er erst spät im Lebensjahre, wenn er seufzend einer fremden Eltern- und Kinderliebe zusieht, hoffend zu sich sagt: »Ach meine haben mich gewiß auch so geliebt« – ach daß alsdann der Busen, zu dem du mit dem Danke für ein halbes Leben, für tausend verkannte Sorgen, für eine unaussprechliche, nie wiederkehrende Liebe eilen willst, schon zerdrückt liegt unter einem alten Grabe und das warme Herz verloren hat, das dich so lange geliebt!
(Jean Paul: Hesperus. Sämtliche Werke I, Bd. 1. München: Hanser, 1960, S. 574f.)

1. Juli 2013 (87)
Ich muß immer ein Stück Einsamkeit zwischen meine Geselligkeit werfen.
(Jean Paul: Reisetagebücher und Briefe. Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2013, S. 50)

8. Juli 2013 (88)
Zensur verbietet Tadeln der Oberen; man darf den Irren nie widersprechen.
(Jean Paul: Reisetagebücher und Briefe. Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2013)

15. Juli 2013 (89)
Die Gefühle haben kein Gedächtnis oder keine Wiedergeburt; das Gefühl braucht den neuen Gegenstand, der eben nie wieder zu geben ist.
(Jean Paul: Reisetagebücher und Briefe. Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2013, S. 50)

22. Juli 2013 (90)
Dem Alter fehlt zur Gegenwart ihre Ausschmückung durch die Zukunft; die Jugend hat 3 Lebenszeiten zugleich.
(Jean Paul: Reisetagebücher und Briefe. Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2013, S. 142)

29. Juli 2013 (91)
Ohne Bücher und Armuth würd ich ewig reisen.
(Jean Paul: Reisetagebücher und Briefe. Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2013, S. 54)

5. August 2013 (92)
Daß die Menschen sich, ohne zu erröten, über das Wetter beklagen und ärgern, ist ein Beweis, wie die Empfindung die hellste Einsicht überstimmt […].
(Jean Paul: Der Komet. Sämtliche Werke I, Bd. 6, München: Hanser, 2005, S. 680)

12. August 2013 (93)
Wie wir im Frühlinge mehr an Tod, Herbst und Winter denken als im Sommer, so malet sich auch der feurigste kräftigste Jüngling öfter und heller in seiner Jahreszeit die dunkle entblätterte vor als der Mann in seiner nähern; denn in beiden Frühlingen schlagen sich die Flügel des Ideals auf und haben nur in seiner Zukunft Raum. Aber vor den Jüngling tritt der Tod in blühender griechischer Gestalt, vor den müden älteren Menschen in gotischer.
(Jean Paul: Titan. Sämtliche Werke I, Bd. 3. München: Hanser, 1999, S. 228)

19. August 2013 (94)
Und nur um den Einsamen schleichen Gespenster.
(Jean Paul: Hesperus. Sämtliche Werke I, Bd. 1, München: Hanser, 1960, S. 582)

26. August 2013 (95)
Das Spiel ist die erste Poesie des Menschen […].
(Jean Paul: Levana oder Erziehlehre. (Hanser-Ausgabe, Abteilung I, Band 5, S. 603)

2. September 2013 (96)
Welche Streiche auch ein brennender Kopf anstelle, die eines gefrierenden Herzens sind doch schlechter.
(Jean Paul: Brief an Christian Otto, 24.10.1800; SW III, 4, S. 8)

9. September 2013 (97)
Ein bestimmter Kleinstädter ist schwerer poetisch darzustellen als ein Nebel-Held aus Morgenland.
(Jean Paul: Vorschule der Ästhetik (1. Programm, § 2 Poetische Nihilisten).

16. September 2013 (98)
Die Hoffnung trägt größere und reifere Früchte als die Gegenwart, aber an höheren Zweigen.
Jean Paul: Sämtliche Werke II, Bd. 8, S. 11

23. September 2013 (99)
Sind denn davon die obern Klassen gebessert worden, weil die mittlern und untern begeistert wurden?
Jean Paul: Ideen-Gewimmel. (Frankfurt a.M.: Eichborn, 1996, Nr. 942).

30. September 2013 (100)
Diese Staatbedienten haken und greifen wie Schindeln in einander, um einander zu halten und zu decken.
Jean Paul: Ideen-Gewimmel. (Frankfurt a.M.: Eichborn, 1996, Nr. 923).

 

 

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