» Ich merke Namen so wenig,
daß ich oft vor dem Spiegel frage,
wie heißt der darin? «

» Die Blumen schlafen,
         aber nicht das Gras. «

» Ein Kind sei euch heiliger als die
   Gegenwart, die aus Sachen
     und Erwachsenen besteht. «

» Unter Denken eines bösen Gedankens
     auf der Gasse ehrerbietig gegrüßt werden. «

» Jeden Tag
     mache dich auf viele Wunder gefaßt. «

» Hätte ich keine Bücher zu schreiben: ich wäre der beste Ehemann. «

» Entwirf beim Wein,
         exekutiere beim Kaffee. «

» Nichts ist fataler, als wenn gerade
die letzte Flasche altes Bier schlecht ist. «

» Eine Blattlaus hat mehr Ahnen
   als ein Elephant. «

» Die Bücher sind die
        stehende Armee der Freiheit. «

» Man verdirbt unter Leuten,
die einen nicht übertreffen. «

» Weiber sprechen lieber von,
          Männer in der Liebe. «

» Was alles Böses gegen das Bier
     bei Philosophen gesagt wird,
         gilt nicht bei mir. «

» Niemand hat weniger Ehrgefühl
      als eine Regierung. «

» Auf der Welt ist alles natürlich,
       ausgenommen die Welt selber. «

» Bei Gott, alle Welt spricht,
und niemand kommt zu Wort. «

» Er ist ein besonderer Freund
       – von Feinden. «

» Man kommt leichter zu jedem
     andern als zu sich. «

» Die Tat ist die Zunge des Herzens.«

     » Manches »Gesuchte« wäre es nicht,
        wenn der Verfasser mehr suchte. «

» Die größten Städte und Genies
sind unregelmäßig gebauet,
voll Sackgassen und Paläste. «

» Eine Demokratie ohne ein paar hundert Widersprechkünstler ist undenkbar. «

» Das Paradies verlieren
und den Paradiesvogel behalten. «

     » Die Poesie ist die Aussicht
aus dem Krankenzimmer des Lebens. «

» Ein Rathhaus gehört zum Hausrath
       einer Stadt. «

» Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde. «

Stadt Gottes mit jeanpaulschen Maß-Stäben

 

von Prof. Dr. Dr. Reinhard Wunderlich

 

Ein religiöser Bildungsweg mit Jean Pauls Maß-Stäben


Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wohnen erstmals mehr Menschen in den Städten als auf dem Lande, eine Jahrtausende währende agrarisch geprägte Kultur weicht einer globalisierten urbanen Kultur und das sog. Urbane Jahrhundert wurde ausgerufen. Gerade in Städten aber (von ihren oft historischen Stadtkernen und postmodernen Konsummeilen bis hin zu ihren Banlieues und Slum-Gürteln) kann brennpunktartig die Widersprüchlichkeit menschlichen Zusammenlebens und die Ungerechtigkeit menschlichen Handelns erkannt werden. Bildung muss Stadt finden, muss sich auf die Realität einlassen, die uns alle prägt. Bildung braucht dazu aber Orientierung, damit die Brücke von dem, was ist, geschlagen werden kann zu dem, was sein soll: Frieden und Gerechtigkeit.

Christlich-religiöse Bildung kann hier eine schöne Aussicht (bella vista) liefern, insofern das allerletzte Bild des christlichen Kanons die jüdische Tradition der Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem aufgreift: Nicht ein (Paradies)Garten leuchtet in der Zukunft, sondern eine luxurierende Stadt (Mauern und Tore aus Edelsteinen …) mit menschlichem Gesicht, in der Gott selbst abwischen wird alle Tränen. (Vgl. das 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes)
Eine urbane Religionspädagogik, die Bildungswege in den Städten der Menschen zur Stadt Gottes anbahnen hilft, ist das Gebot der Stunde!

Mit Jean Paul lernen wir gleichsam den Gründungsvater einer Urbanen Religionspädagogik kennen: Er war es, der in seiner Erziehungs- und Bildungstheorie (mit dem Titel einer römischen Hausgöttin Levana) erstmals eine Bildung zur Religion „in städtischer Nachzeit“ entwarf.
Seine pädagogisch-philosophische Schrift erschien 1806, einer Zeit zwischen Spätaufklärung, Romantik und Biedermeier. Zu seiner Zeit begann der Verstädterungsprozess, der erst später und weltweit immer dominantere Züge annehmen sollte. Umso erstaunlicher ist es, wie Jean Pauls Analysen welthellsichtig die urbane Dimension für Bildung und Erziehung thematisieren und konsequent mit dem Sehnsuchts-Bild der Stadt Gottes, des himmlischen Jerusalem korrelieren.

In der biblischen Vision des neuen Jerusalem taucht ein Bildführer auf, der mit einem „Messstab, eine(m) goldene(n) Rohr“ (Offenbarung 21,15) die Stadt Gottes vermisst. Auch im gesamten dichterischen Werk Jean Pauls wird die Stadt Gottes immer wieder neu vermessen: Wir werden als Leser in die Lebensgassen der Menschen eingetaucht und auf Landschaftspfade der Natur geführt und wie in einer Kippfigur oder einem Vexierbild dabei mit allen Sinnen gleichzeitig in die Stadt Gottes versetzt.

In unserem Erkundungsgang durch die Levana und durch das dichterische Werk Jean Pauls können wir zwar kein goldenes Rohr anbieten, um etwa absolute Maßstäbe für eine urbane Religionspädagogik zu setzen. Wohl aber nehmen wir spielerisch und vorläufig ein paar Mikado-Stäbe in die Hand und vors Auge.

Sie sollen einstehen für
 
•    Religionsbildungsmaßstäbe, die wir aus der Lektüre der Levana eruieren (im fortlaufenden Text wird zitiert aus Jean Paul Friedr. Richters  L e v a n a … herausgegeben von Dr. Karl Lange, Langensalza 1910 als 24. Band von Friedrich Mann’s Bibliothek pädagogischer Klassiker) und für

•    Maß-Stäbe auf dem Weg in die Stadt Gottes, die wir als Blütenlese sammeln aus unendlich schönen Textpassagen mit den prallen Lebens-Läuften und den tiefsinnnigen Gedanken-Gängen jeanpaulscher Romanfiguren (auf den einzelnen Blüten-Blättern, die mit dem fortlaufenden Text verknüpft sind, wird nach www.projekt.gutenberg.de zitiert, wobei zu beachten ist, dass die dortige Kapitelzählung mit der jeweiligen jeanpaulschen Gliederung nichts zu tun hat!)

Die facettenreichen Aspekte, die uns in den ausgewählten Textpassagen für religiöse Bildung in städtischer Nachzeit begegnen werden und die im fortlaufenden Text nur hinsichtlich ihrer Grundstrukturen erläutert und in den größeren Zusammenhang einer Urbanen Religionspädagogik gestellt werden, können nur dann zu lebensfülliger Entfaltung kommen, wenn wir unsere eigenen individuellen Erfahrungen mit und gegen urbane Kulturen des 21. Jahrhunderts je und jäh einbringen. Die angebotenen Maß-Stäbe sind darauf angewiesen, auch für unser Leben Orientierung weisen zu können.

Wer Jean Pauls Wander-Stäbe erlesen hat, die uns durch die Städte der Menschen und in der Natur hinauf zur Stadt Gottes führen, der erkennt am Ende, dass man sich vielleicht am Besten auf diese Lebensreise so vorbereitet, dass man nach allen Regeln der Kunst Mikado spielt … Achtsam müssen die kleinen endlichen Stäbe in ihren lebenschaotischen Verästelungen erkannt und achtsam voneinander gelöst werden um Raum zu schaffen für das Unsichtbare:

Die Himmelsleiter selbst hat ja nach Jean Paul bekanntlich keine Sprossen!

Dermaßen lesend und spielend geschult in der Achtsamkeit für die unsichtbar-sichtbar offene Stadt Gottes müssen wir dann aber endlich schnell hinaus in die Welt, auf die Straßen und Gassen und Plätze unserer Städte und auf die Landschaftspfade der Natur in unserem eigenen, dem einundzwanzigsten, dem urbanen Jahrhundert.

Und um bei solchen Realzeitbewegungen in Realräumen die urbane Achtsamkeit nicht zu vergessen und Gottes Stadt nicht aus den Augen zu verlieren könnten wir auf unsere Handy-Displays die Navigationskarte einer urbanen Religionspädagogik laden (vgl. Titelgrafik), damit wir sicher aus den Schulstuben und Bildungshäusern durch Lebensgassen und Landschaftspfade in die Stadt Gottes gelangen, der Stadt mit dem menschlichen Antlitz, wo Gott abwischen wird alle Tränen und die er selbst in seine Hand tätowiert hat:
„Siehe: auf die Handflächen habe ich dich [sc. Zion] gezeichnet, deine Mauern sind mir beständig gegenwärtig.“ (Jes. 49,16)

 

Zur Textübersicht

"Stadt Gottes mit jeanpaulschen Maß-Stäben" (vollständig)

Literatur

 

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